13. Mrz 2019 Zinsanlagen

Zinserhöhung? Verschoben

Die EZB erfasst neue Niedergeschlagenheit - Maue Wachstums- und Inflationsaussichten durchkreuzen die Zinswende in diesem Jahr

  • Euro-Notenbank verschiebt Zinserhöhung auf frühestens 2020.
  • Erwartetes Wachstum und Inflation tragen bis 2021 nur eine Eins vor dem Komma.
  • Neuer Pessimismus lässt Renditen von Bundesanleihen fallen.
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Die EZB erfasst neue Niedergeschlagenheit

Wenn Mario Draghi im Herbst sein Amt als Präsident der Europäischen Zentralbank an einen Nachfolger übergibt, wird er der erste Präsident der Euro-Notenbank sein, der in acht Jahren kein einziges Mal den Leitzins erhöht hat – soviel steht nun fest. Denn frühestens 2020, so teilte die EZB nach ihrer jüngsten Sitzung mit, könne angesichts der mauen Wachstums- und Inflationsaussichten nun an eine Zinserhöhung gedacht werden.

Anleger, die 2019 auf wieder höhere Zinserträge gehofft hatten, sehen sich damit abermals enttäuscht. Bei Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit halbierte sich bei Bekanntwerden der neuen EZB-Einschätzung die Marktrendite vorrübergehend auf 0,06 Prozent und bei neunjährigen Laufzeiten rutschte sie sogar wieder ins Minus.

Die Überraschung über den neuen Pessimismus der Notenbanker war groß. Schließlich hatte die EZB den sukzessiven Rückbau ihrer ultraleichten Geldpolitik für dieses Jahr angekündigt. Für die Sommermonate wurde sogar eine erste Anhebung des Leitzinses nach drei Jahren Nullzins in Aussicht gestellt. Nun müssen Investoren, Sparer und Banken mit der Erkenntnis leben, dass die Zinswende im Extremfall noch auf Jahre verschoben sein könnte.

Renditeaussichten festverzinslicher Anlagen bleiben getrübt

Die Argumente der Notenbanker haben es in sich: Sie befürchten, dass das Wirtschaftswachstum im Euroraum zu schwächeln beginnt und die Inflation weniger denn je Anstalten zeigt, von ihrem ungewöhnlich niedrigem Niveau wieder auf ihr gewohntes Level zurückzukehren. Eine solche Gemengelage spricht eher für ein weiteres Lockerlassen der Zügel und nicht für baldige Leitzinserhöhungen.

Aus Anlegersicht bleiben damit Investments in neue Staatsanleihen der Euroländer wohl noch für eine geraume Zeit unattraktiv. Allenfalls Unternehmensanleihen scheinen im festverzinslichen Anlagesegment noch eine einigermaßen auskömmliche Rendite zu versprechen. Investoren müssen dafür aber ein deutlich höheres Risiko in Kauf nehmen.

Eigentlich sollte 2019 das Jahr des Ausstiegs aus der ultraleichten Geldpolitik werden. Doch nun rückt eine Zinserhöhung erneut in die Ferne.

Wachstum und Inflation sind schwach auf der Brust

Wer EZB-Aussagen im Detail studiert, der findet tatsächlich frappanten Pessimismus. So erwartet die Notenbank für die Eurozone in diesem Jahr nur noch ein volkswirtschaftliches Wachstum von 1,1 Prozent. Bislang waren die Währungshüter von 1,6 Prozent Expansion ausgegangen. Im nächsten Jahr sollen es 1,6 Prozent und 2021 nur 1,5 Prozent sein. Diese magere Prognosereihe versieht die Notenbank auch noch mit dem Hinweis, dass die Vorhersagen erneut wackeln könnten, falls sich etwa der internationale Handelskonflikt der USA mit China und der EU ausweiten sollte.

Auch bei der Inflation im Euroraum, der wichtigsten Orientierungsgröße der Frankfurter Geldpolitiker, ist noch lange keine Normalisierung in Sicht. 2019 soll die Teuerung laut EZB-Schätzung 1,2 Prozent betragen, 2020 dann 1,5 Prozent und 2021 1,6 Prozent – trotz der extrem leichten Geldpolitik der vergangenen Jahre. Mit dieser Einschätzung dürfte die EZB ihr Inflationsziel, das standardmäßig bei knapp unter 2 Prozent liegt, bis auf weiteres aufgegeben haben.

Neuer Liquiditätsspielraum für Banken alarmiert Märkte

Zusätzliche Sorge verbreitet an den Märkten, dass EZB-Präsident Draghi die Geschwindigkeit des Ausstiegs aus der ultraleichten Geldpolitik nun wieder gedrosselt hat. Zwar fährt die EZB mit ihrem Plan fort, keine neuen Anleihebestände mehr am Markt aufzukaufen. Dafür sollen Banken nun aber im Zuge parallel laufender Refinanzierungsprogramme der EZB bis 2023 wieder mehr günstige Kredite bekommen. Dass nun zwei weitere Tranchen des so genannten TLTRO-Programms der Notenbank nötig wurden, hat die Märkte besonders kalt erwischt. Das spricht dafür, dass die konjunkturellen Probleme der Eurozone sich in den Augen der EZB als hartnäckiger erweisen als gedacht.

„Diese Sitzung hat uns alle überrascht. Die EZB zeigt sich deutlich besorgter über Europas Wirtschaft als von allen erwartet. Wie ernst die Anleger die Sorgen der Anleger nehmen, zeigt sich an den Marktreaktionen, die trotz des akkommodierenden Tons negativ waren“, fasst Ulrike Kastens, Volkswirtin der DWS zusammen.

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